Produktive Realistätsverarbeitung  -  Hurrelmann  -  Skript S. 34
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Klausurtechnik
Wenn es zentrales Ziel von Pädagogik ist, all die Zusammenhänge zu erforschen, die den Weg hilfreich begleiten können, wie aus noch kleinen unmündigen Menschen mündige Erwachsene werden, die unser demokratisches Gemeinwesen aktiv unterstützen und fortentwickeln, dann stellt sich im Blick auf das Thema Produktive Realitätsverarbeitung die Frage, was die Theorie Hurrelmanns hierzu Zielührendes beitragen kann.

Pädagog*innen mit zuvor genanntem Erkenntnisinteresse müssen von dieser Theorie Aussagen darüber erwarten, wie die produktiv zu verarbeitende Jugendrealität so ablaufen kann, dass am Ende integrierte mündige Demokrat*innen das Ergebnis sind. Diese zentrale Antwort hat Klaus Hurrelmann schon vor vielen Jahren gegeben und sie ist auch im Kern gleich geblieben. In den Fortschreibungen der Theorie ist vor allem die Beschreibung der Jugendrealität deutlich ausgeweitet und verbreitert worden. Der Erkenntnisgewinn, wie in dieser Realität Mündigkeit erreichbar werden kann, hat nicht in gleichem Maße zugenommen. (Das ist durchaus auch ein zu beachtender Aspekt in der Pädagogik. Vieles nimmt in der Erziehungswissenschaft an empirischer Breite zu, aber die pädagogischen Handlungsvorschläge wachsen nicht vergleichbar mit.)

Betrachten wir hier nun vor allem die zentralen Punkte, die Hurrelmann zu seinen Handlungsvorschlägen führt, und diese selbst. Bei dieser Betrachtung möchte ich die Zusammenhänge so darstellen, dass die Schüler*innen sich nicht genötigt sehen, 10 Maximen auswendig zu lernen. Das ist schlimm. Denn es gibt bei allen Maximen zwischen ihren Überschriften und Inhalten keinen über die Zahlenreihenfolge hinausgehenden Zusammenhang.
(Lange Zeit waren es 8 Maxime, aber nun ist die Zahl der Zehn Gebote erreicht.)

Mit Hilfe der Eingangsgrafik aus der Zusammenfassung kann der Kern dessen, was Pädagog*innen von Hurrelmann wollen, so in den Griff genommen werden, dass das zentrale Begriffsnetz Hurrelmanns für das Abitur hinreichend präsent ist. (Folgende Farben hier nun passend zur Zusammenfassung)

Die Grafik ist aus der Mitte heraus zu lesen. Rechts und links vom schematischen Gehirn mit den Rechts-Links-Pfeilen, sind die beiden Hauptpole gelb dargestellt, zwischen denen hin- und hergerissen die Jugendlichen gefühlt schon immer ihre Entwicklung meistern müssen. Auf diese Grundsituation gehen auch viele andere Theorien (s. "Vernetzungen" unten) ein, die nicht nur für das Abitur, sondern auch für die Pädagogik wichtig sind.

Rund um das Individuationsverlangen, so zu sein wie kein anderer, und das Integrationsverlangen, so sein wie andere, tobt der Pubertätskampf:


Reichen meine Anlagen aus, um in der Welt da draußen den Anforderungen gerecht werden zu können, die die Umwelt von mir fordert? Beispiel a: Vergleicht man die Instagram- oder Whats-App-Leitfotos mit den realen echten Personen, kann man sehr oft feststellen, dass manche so viel aus sich machen, dass man sie als real bekannte Personen kaum wiedererkennt.
Bietet meine innere Realität mir die Stärke, die ich in der äußeren Realität dringend benötige? Beispiel b: "Wann immer in meiner Klasse zwei Fussballmannschaften ausgewählt werden, bleibe ich als letzter übrig und keine Mannschaft will mich eigentlich dabei haben. Ich bin eben arg schmächtig, dass ich keinen Zweikampf gewinne und außerdem hat Papa mir eingeschärft, dass das, was andere stolz die "Blutgrätsche" nennen, eigentlich nur schändliches Verhalten ist. Wie soll ich mich da behaupten und Freunde finden?

Der Identitätsprozess der aus dieser Situation resultiert, löst zwiespältige Gefühle aus und generiert ebensolche Sozialerlebnisse. Er ist spannungsreich(a) und krisenhaft(b). Vor allem aber ist er musterbildend. Man denke nur darüber nach, ob der in Beispiel b verschmähte Fußballspieler dann, wenn er zu konkurrenzfähigen körperlichen Kräften gekommen ist, es schafft, seinen körperlich möglichen Platz zu erstreiten. In dieser Zwiespältigkeit steckt aber auch Chance & Risiko, Stimulation & Belastung sowie Freiheit & Begrenzung.

Nícht nur Pädagog*innen müssen daran mitwirken, dass der gesamte Prozess jedem Jugendlichen in musterbildender Erinnerung bleibt und er stolz sagen kann:

Meine Jugendzeit war geprägt durch Selbstorganisation. Ich habe sie langsam gelernt und mich dank dieser Anstrengung am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen.
Die widersprüchlichen Realitäten, vor denen ich immer wieder stand, konnte ich mehr und mehr zu meiner und anderer Zufriedenheit zusammenführen. Jetzt stelle ich fest, dass Hurrelmann das produktive Realitätsverarbeitung nennt. Ich glaube meine Eltern und Lehrer hatten dabei ihr Händchen mit im Spiel, aber geschafft habe ich es.
Wenn ich heute betrachte, wie mein Vater stolz auf mich schaut und sagt, dass ich in manchen Situationen typisch sein Sohn sei, manchmal aber auch sehr deutlich werde, dass ich in bestimmten Dingen wohltuend anders sei, dann bin ich ebenfalls stolz, weil ich spüre, dass die schöpferische Konstruktion meiner selbst gelungen ist. War ein hartes Stück Arbeit. Aber angesichts dessen, dass ich auch Menschen kenne, die diesen Entwicklungdruck nicht ausgehalten haben, bin ich besser mal weniger stolz, sondern allen Begleitern und glücklichen Umständen dankbar. Ich glaube neuerdings nutzt Hurrelmann auch das Wort Entwicklungsdruck.
Jetzt stehe ich an der Schwelle zum Erwachsenenleben und kann mit Fug und Recht sagen, dass ich aus erlebter Erfahrung sehr genau weiß, was eigenständige Lebensführung bedeutet und ich an hier hoch schätze.

Betrachtet man so erreichte Ich-Identität, dann kann deren Erreichen heute auch als erfolgreich Bewältigung von vier Jugendaufgaben beschrieben werden, in denen es um folgende Fähigkeiten und Bereitschaften geht:

Leistungsfähigkeit und -bereitschaft Qualifizieren
Team- und Partnerfähigkeit Binden
Fähigkeit zum Umgang mit Freizeit und Konsum Konsumieren
Fähigkeit zum Umgang mit Wirtschaft und Politik Partizipieren

Genaueres zu den vier Jugendaufgaben kann dann auf weiteren Seiten der Zusammenfassung nachgelesen werden.

Damit der Weg zur Ich-Identität auf die beschriebene Art und Weise funktioniert, sind vor allem soziale Ressourcen vorzuhalten. Diese sind gesellschaftlich beeinflussbar. Die neuerdings auch erwähnten personalen Ressourcen sind sicherlich auch richtig. Wird aber nur empirisch festgestellt, dass zur Aufgabenbewältigung auch die personale Ressource hohe Intelligenz des Jugendlichen gehöre, dann staunen die handlungsorientierten Pädagog*innen und lechzen nach Erkenntnissen, aus denen ableitbar ist, was getan werden könnte und müsste.

In neueren Versionen werden auf dem Weg zur Identität auch Risiken beschrieben, die den Identitätsprozess begleiten können. Hierzu werden drei Risiko-Varianten dargelegt:

Externalisierende Variante: Hier werden die Folgen des Entwicklungsdruckes nach außen gelenkt. Beispiel: Aggression und Gewalt gegen Minderheiten
Evadierende Variante: Hier wird versucht, dem Entwickungsdruck auszuweichen. Beispiel: Suchtverhalten
Internalisierende Variante: Hier werden die Folgen des Entwicklungsdruckes nach Innen gelenkt. Beispiel: Selbstaggression, psychosomatische Störungen u.ä.

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Zusammenfassung



















Interessant






Wesentliche Vernetzungen mit anderen Themen:

Heitmeyer/Rauchfleisch:
Von Heitmeyer und Rauchfleisch her gedacht, die beide scheiternde Identitätsentwicklung untersuchen, findet sich ein unmittelbarer Verbindungspunkt in den zuvor dargestellten Risikovarianten, die dann mit Heitmeyer sozialpsychologisch und mit Rauchfleisch psychoanalytisch interpretiert werden, um zu Handlungsoptionen für Hilfe und Eingreifen zu kommen.

Freud/Erikson/Mead:
Von diesen her gedacht liegt im Spannungsverhältnis von Individuation und Integration ein zentraler Verbindungspunkt zur Theorie zur Produktiven Realitätsverarbeitung. Insgesamt gesehen werden Zusammenhänge sichtbar, die grundsätzliche Wesenszüge des Menschen ausmachen: "anthropologische Grundanahmen":
Hurrelmann Prod. Realitätsverarbeiter Individuation Integration Ich-Identität
Freud Triebwesen ES ÜBER-ICH Ich
Erikson Psychosoziales Wesen Maladaption/Fehlentwicklung Malignität Ausbalancierte Ich-Identität
Mead Kommunikationswesen I ME SELF
Piaget Lernwesen Assimilation Akkomodation Adaptation

Natürlich haben solche Tabellen, die auf einen Blick in fünf Zeilen und ebenso vielen Spalten schnell etwas auf den Punkt bringen wollen, auch ihre Tücken. Denn so vielfältige Theorien passen nicht ganz einfach in fünf Vergleichsschubladen. Da muss im Detail und je nach Problemfall genauer hingesehen werden. Insgesamt betrachtet jedoch und vor allem, weil es nicht die eine Theorie zum Menschen gibt, muss der Blick auf den Menschen und seine Verstrickungen immer multiperspektivisch sein. So gesehen ist es nur zu einleuchtend, dass im Blick auf den immer gleichen Gegenstand die Leuchtkegel theoretischer Erhellung Überschneidungen aufweisen.


Kohlberg/Interkulturelle Bildung:
Eine Gemeinsamkeit dieser beiden Themen ist sicherlich, dass sie zum Erhalt und zur Fortentwicklung des Demokratischen beide fordern, dass Demokratie-Lernen am besten eingebunden in gelingende demokratische Praxis erfolgt. Von hier her gedacht schlägt sich eine Brücke zum Hurrelmannschen Identitätsprozess. Die Qualitätskriterien dieses Prozesses können auch als Qualitätskriterien für gelingende demokratische Praxis angesehen werden.
Heitmeyer
Rauchfleisch





Freud
Erikson
Mead
Piaget








Kohlberg
Interkulturelle Bildung