3.1.2 Sozialisation als Rollenlernen  -  George Herbert Mead  -  Skript S. 21f
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Wenn es zentrales Ziel von Pädagogik ist, all die Zusammenhänge zu erforschen, die den Weg hilfreich begleiten können, wie aus noch kleinen unmündigen Menschen mündige Erwachsene werden, die unser demokratisches Gemeinwesen aktiv unterstützen und fortentwickeln, dann stellt sich im Blick auf das Thema Mead die Frage, was der symbolische Interaktionismus nach George Herbert Mead hierzu Zielführendes beitragen kann.

Pädagog*innen gucken nach George Herbert Mead und dem symbolischen Interaktionismus, weil sie sicher sind, dass man dem Menschen erzieherisch nicht gerecht werden kann, wenn man die Entwicklung seiner Sprach- und Kommunikationsfähigkeit außer Acht ließe. Denn die Sozialisation des Menschen und die Entwicklung seiner Sprach- und Kommunikationsfähigkeit sind eng miteinander verwoben. Aus anthropologischer Sicht kann der Mensch nach Mead als Kommunikationswesen betrachtet werden. Seine Sprach- und Kommunikationsfähigkeit ist ihm ein zentraler Wesensfaktor.

Mead untersucht nun diesen Wesensfaktor so, dass sich daraus gut ableiten lässt, wie der Weg des Menschen zu aktiver Mündigkeit in einem demokratischen Gemeinwesen hilfreich erzieherisch begleitet werden kann.

Der Blick nach Mead macht so demokratisch Sinn. Er kann helfen, Demokrat*innen zu erziehen. Padagogik-Unterricht in einer Diktatur würde nie nach Mead sehen. Denn Mead sieht im Kommunikationswesen Mensch eher die Demokrat*innen als die Unteran*innen angelegt. Pädagog*innen können sich mit Mead freuen, denn sie müssen, um Demokrat*innen zu erziehen, nicht etwa erst einen eingangs vorhandenen Untertanengeist entfernen und den Menschen "umpolen", sondern sie können von einem geeigneten Fundament aus ihre pädagogische Arbeit starten.

Wollte man Mead noch weiter zuspitzen könnte man auch sagen, dass Mead das "Demokratiewesen" Mensch darlegt, ein Wesen, das durch seine Sprach- und Kommunikationsfähigkeit anthropologisch mit demokratischen Anlagen ausgestattet ist. Das klingt sehr hoffnungsvoll, ist es im Grunde auch. Dennoch findet Demokratie deshalb nicht automatisch statt, sondern muss von denen, die es eigentlich könnten, auch in gesellschaftliche Realität umgesetzt werden.


Zentrale Präsentation
und
Text dazu



Bedingungen für gelingende
Identitätentwicklung nach Mead



Zusammenfassung
mit weiteren Grundbegriffen

Wesentliche Vernetzungen mit anderen Themen:

Kohlberg:
Von Kohlberg her gedacht ist bei Mead interessant, wie die Rollenspiele der einzelnen Individuen in gleichberechtigte Absprache miteinander gebracht werden können. Denn bei Kohlbergs Moralentwicklung geht es darum, wie sich passend zur genannten gleichberechtigten Absprache bei Mead ein gemeinsames Regeldenken dazu so entwickeln kann, dass für diesen Abspracheprozess die moralischen Bedingungen seiner Möglichkeit erkannt, fortentwickelt und umgesetzt werden. Wie das konkret in einer demokratische verfassten Schule praktisch werden kann, macht Kohlberg zusätzlich in seinem Just-Community-Konzept deutlich.

Produktive Realitätsverarbeitung:
Von Hurrelmann her gedacht ist bei Mead interessant, wie im GAME ME und I kommunikations- und rollentheoretisch so zusammenkommen, dass sich das I dem ME gegenüber angenommen fühlt und umgekehrt. Denn in der produktiven Realitätsverarbeitung geht es auch zentral darum, wie zwischen Integration/Soziation (ME) und Individuation (I) soziologisch fokussiert ein Prozeß zustande kommen und gestützt werden kann, an dessen Ende ein erwachsenes Individuum steht, dessen integrierte Selbstständigkeit gefestigt ist, da sie letztlich trotz aller Hilfen als selbst erworben erlebt wurde. Das ist produktive Realitätsverarbeitung in einer demokratischen Gesellschaft, die zu verantwortlicher Mündigkeit führt.

Heitmeyer/Rauchfleisch:
Von Heitmeyer her gedacht ist bei Mead interessant, wie ein kommunikations- und rollentheoretisches Ideal gelingender Identitätsentwicklung gedacht werden kann. Denn Heitmeyer beschreibt umgekehrt am Beispiel von Jugendgewalt die sozialpsychologischen Verstrickungen hin zu unzureichender Identitätsentwicklung, eben nicht zu Integration, sondern zu Desintegration. Rauchfleisch beschreibt die gleiche Fehlentwicklung aus psychoanalytischer Perspektive. So kann für die Perspektive einer theoretisch ideal gelingenden Identitätsentwicklung auch deutlich werden, wie rau die Realiät sein kann, in die das Ideal hineingedacht wird.

Klafki: Von Klafki her gedacht sind bei Mead die Bedingungen der Möglichkeit interessant, wie es aus kommunikations- und rollentheoretischer Sicht zu einem demokratisch gleichberechtigten Identitäts- und Rollenverständnis der Mündigen kommen kann. Denn Klafki beschreibt seinerseits aus bildungstheoretischer Sicht, mit welchen Inhalten und dann auch Methoden exemplarisch, elementar und fundamental überzeugend der Weg zu eigenständiger Selbstbestimmungs-, Mitbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit zu gehen ist. Ein gelingendes Zusammenwirken der letztgenannten drei Begriffe könnte aus Mead'scher Perspektive als gesellschaftlich erfolgreicher GAME-Prozess beschrieben werden.

Interkulturelle Bildung: Aus der Perspektive Interkultureller Bildung ist bei Mead und bei den anderen hier Genannten das demokratische Entwicklungsziel interessant. Interkulturelle Bildung kann salopp ausgdrückt darauf verweisen, dass sie in der heute allgegenwärtigen Interkulturalität für die Mead'schen Ideale und die der anderen hier Genannten den "Härtefall" fokussiert. Denn gerechter Ausgleich und respektvolles Umgehen miteinander sind ohnehin nicht einfach zu erreichende Ziele. Treffen aber mehr und mehr Menschen aufeinander, deren Herkunftsbedingungen unterschiedlicher nicht sein könnten, ist gerechter Ausgleich und gegenseitiger Respekt noch schwerer zu erreichen, zumal es viele "Eingeborene" gibt, die aus diffusen, aber auch verstehbaren Ängsten heraus, den Glauben an die Multikulturalität verloren haben und die Zukunft eher in der Vergangenheit suchen. Das ist aus meiner Sicht ein fataler Irrtum. Denn der Rückfall in sich abschottende Nationalismen wird in einer Welt mit heute knapp 8 Milliarden und 2050 mit knapp 10 Milliarden Menschen zu nichts Gutem führen.

Soziale Netzwerke und Identitätsentwicklung:
Dieses Thema schaut nicht mit einer gewissen Eigenständgkeit auf die anderen Themen. Es ist ein Folgethema: Wenn Mead die grundlegenden Kommunikationsbedingungen beschreibt, die ein gleichberechtigtes gesellschaftliches Rollenspiel ermöglichen, können aus dieser Sicht die Kommunikationsbedingungen in Zeiten von Social Media untersucht werden, um zu identifizieren, ob in der Social-Media-Kommunikation das Demokratische auch im Kern angelegt ist und was ggfs. zu tun wäre, wenn es nicht so ist. Hier gibt es noch nichts auswendig zu lernen.

Systemische Sicht: Von Mead her gedacht, so könnte man sagen, führen alle Vermutungen, dass z.B. in einer Familie das Familien-GAME nicht mehr gleichberechtigt funktioniert, direkt zum Therapievorschlag: Systemische Familientherapie. Denn das Meadsche GAME-Denken und das systemische Denken gehören interaktionistisch eng zusammen.
Kohlberg



Produktive Realitätsverarbeitung



Heitmeyer / Rauchfleisch



Klafki



Interkulturelle Bildung



Soziale Netzwerke & Identität




Systemische Sicht